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Nichts gegessen?

31. Juli 2009

Eine Sorge, die man immer wieder liest, betrifft die Menge, die wirklich gegessen wird. Wenn man dem Ansatz des baby-led weaning folgen möchte, dann sollte man sich von solchen Gedanken allerdings besser frei machen. Denn das Kind entscheidet, wie viel es isst, wie schnell, und ob überhaupt.

Neugier, nicht Hunger

Es ist überhaupt nichts ungewöhnliches, wenn selbständig essende Kinder anfangs wochen- oder sogar monatelang nur an Obst und Gemüse lutschen, ohne dabei ein einziges Stückchen zu verschlucken. Man muss sich dabei vielleicht noch mal klar machen, worauf der blw-Ansatz basiert: auf der Neugier des Babys. Nicht auf Hunger. In dem Alter, in dem man mit der Beikost nach Bedarf beginnt, also irgendwann um das magische halbe Jahr herum, nehmen Kinder sowieso alles in den Mund. Spielzeug, Finger, Kleidung und – wenn sie es in Reichweite haben – eben auch Essen. Mit den ersten Probierern entdecken sie dann, dass der Geschmack interessant ist. Vielleicht schmeckt Brokkoli einfach besser als die Holzrassel. Aber als Nahrung verstehen sie es deshalb trotzdem noch längst nicht. Hunger wird noch lange Zeit nur mit Milch in Verbindung gebracht.

Essen lernen

Um wirklich essen zu können, sind ja auch einige komplexe Vorgänge nötig, die das Baby erst lernen muss. Die Kaubewegung ist eine davon. Aber auch das nützt nur, wenn das Essen mit Fingern oder Zunge in Richtung Kauleisten geschoben wird, also schon wieder eine neue Fähigkeit. Alleine das Gefühl, plötzlich den Mund voll mit Nichtflüssigem zu haben, ist für die Kinder bestimmt erst einmal ungewohnt. Dem Knirps hat man seine Verwunderung anfangs richtig angesehen; er hat überhaupt nichts gemacht und nur gewartet. Was die Zunge mit den Dingen im Mund anstellen kann, dass manches mit der Zeit durch den fließenden Speichel weicher wird, das alles wissen die Kinder ja nicht von Anfang an. Auch die unterschiedliche Konsistenz der Lebensmittel will erforscht sein. Das eine ist weich und matschig, das andere weich, aber trocken, das nächste hart und bröselig, wieder anderes hart und feucht. Für jede Konsistenz müssen ganz eigene kleine Techniken entwickelt werden. Alleine dieser Lernvorgang kann auch dafür sorgen, dass ein Kind genug vom Essen hat, weit bevor es satt wäre – es wird einfach ungeduldig oder müde.

Während sie also von Anfang an problemlos an allem lutschen können, ist das richtige Essen zum einen Übungssache und zum anderen Entwicklungssache. Soweit ich das in Erfahrung bringen konnte, kann man den Kindern weder das Kauen beibringen – das kommt einfach eines Tages, wie das Drehen und Gehen – noch den Zungenstreckreflex abgewöhnen, der zunächst alles wieder aus dem Mund befördert. Wann das der Fall ist, ist natürlich von Kind zu Kind unterschiedlich. Man sollte sich also ruhig darauf einstellen, dass das Kind mit Beikost nach Bedarf vielleicht erst mal nur an Lebensmitteln nuckelt, viele verschiedene Geschmacksrichtungen kennenlernt, aber keine Anstalten zum wirklichen Essen macht. Ich habe von Kindern gelesen, die schrittweise immer mehr gegessen haben, und von anderen, die nach wochenlangem Lutschen plötzlich von einem Tag auf den anderen richtig essen. Manche mit sechs Monaten, manche mit acht Monaten, und manche noch später.

Der Knirps wird wohl eher in die Gruppe der schrittweisen Esser gehören. Von einem kleinen Babyzwieback isst er inzwischen manchmal schon die Hälfte, vom Kohlrabi hat er neulich drei kleine Stifte jeweils zur Hälfte verzehrt, und bei der Melone schafft er schon etwa einen drittel Schnitz. Aber die Mengen sind auch von Tag zu Tag und von Mahlzeit zu Mahlzeit sehr unterschiedlich. Wir hatten schon Tage, an denen er mittags Melone geradezu verschlungen hat und dann am Abend trotzdem kleine Stücke Kartoffel gegessen hat, und andere, an denen er wirklich überhaupt rein gar nichts isst, ganz egal was man ihm anbietet. Wenn man dazu neigt, die gegessenen Mengen mit gelöffeltem Brei zu vergleichen, dann sollte man auch nicht vergessen, dass Brei meist eine ganze Menge Flüssigkeit enthält, während so eine Kartoffel eher kompakt ist. Noch passt nicht viel in den kleinen Magen.

Muttermilch ist die Hauptnahrungsquelle

Da die Kinder durch das selbständige Essen automatisch auch selbst festlegen, wieviel sie wann essen, wird zunächst weiter gestillt wie bisher. Und das ist auch überhaupt kein Problem. Die WHO zumindest empfiehlt, Muttermilch bis ans Ende des 1. Lebensjahres als Hauptnahrungsquelle beizubehalten. Richtig: nicht nebenbei weiterstillen, nicht abstillen, sondern hauptsächlich Stillen. Das übrige Essen ist im wahrsten Sinne des Wortes nur Bei-Kost. Ich persönlich mache mir wegen der Nährstoffe zunächst (also in den nächsten Monaten) keine Sorgen, solange ich stille – aber dazu schreibe ich irgendwann einen extra Beitrag. Sollte jemand deswegen massive Bedenken haben, muss man eventuell auch überlegen, ob dann dieser Beikostansatz richtig ist, da die Kontrolle eben eher beim Kind liegt. Andererseits: auch beim Brei ist nicht gewährleistet, dass das Kind von Anfang an die gewünschten Mengen der gewünschten Nahrungsmittel wie Fleisch etc. verzehrt. Und die Nährstoffe wie Eisen werden auch nicht über Nacht zu wenig.

Wichtig dabei ist übrigens auch, das Kind vor dem Essen zu stillen und nicht hinterher. Warum? Aus dem gleichen Grund, den ich weiter oben schon nannte. Das Kind lernt das Essen nicht aus Hunger, sondern aus Neugier kennen. Wenn es nun also hungrig am Tisch sitzt, dann wird es nur deswegen in den meisten Fällen nicht mehr Karotte essen, sondern eher schneller ungeduldig werden und sich nicht auf dieses neue Erlebnis konzentrieren können. Mit vollem Magen dagegen lässt sich alles viel besser erkunden, lernen, entdecken – auch wenn die Mengen anfangs mikroskopisch klein sind. Wenn das Essen also so gar nicht klappt, dann kann man zunächst darauf achten, dass das Baby vorher gestillt wurde.

Insgesamt sollte man das Essen zunächst als Entdeckung, als Spiel sehen. Nicht als Nahrungsaufnahme. Denn ohne den Druck im Hinterkopf werden die Mahlzeiten wesentlich angenehmer. Der Rest kommt automatisch, sobald die nötigen Fähigkeiten erlernt wurden.

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7 Kommentare leave one →
  1. 1. August 2009 10:02 am

    Hallo,

    bin gestern durch Zufall hier gelandet, denn ich habe mir das Buch auch vor einigen Monaten aus Neugier und Verzweiflung geholt, denn Beikost in Breiform stößt hier auf totale Abneigung und alles was man anfassen kann, wird gegessen… Naja wir machen es auch, Stillen Vollzeit und wenn wir was Essen, kriegt der Knirpsi auch etwas Brot, Reiswaffeln (bei uns der Renner), Möhre, Gurke, Pfirsich uvm. Alles ist viel entspannter und ruhiger geworden. Und vorallem macht es Spaß zu sehen, wie man die erste Nudel erfühlt und vorsichtig in den Mund steckt…

    Viele Grüsse
    –Christiane

    • 3. August 2009 8:45 am

      Hallo Christiane!
      Ich freue mich immer über andere, die ähnliche Erfahrungen machen. Von daher – vielleicht möchtest Du bei Gelegenheit mal mehr zu euren Erfahrungen schreiben?

      Wie alt ist denn euer Kleiner?

      Aber Du hast recht, es macht für uns eine Menge Spass und es ist wirklich sehr entspannt beim Essen!

  2. Nati permalink
    3. August 2009 2:01 pm

    Hallo,
    seit Monaten durchforste ich das Internet in de rHoffnung mal eine Seite über BLW auf deutschzu finden. Jetzt, wo meine Maus 9 Monate alt ist hab ich endlich diese Seite gefunden 😉

    Meine Mia isst schon sehr gut. Wir stillen nur noch 3-4 mal täglich. Ab und zu noch ein oder zwei mal in der Nacht.
    Also habe ich eigentlich nicht wirklich Angst, dass sie zu wenig isst. Ich weiß nur nicht was das werden soll, wenn sie dann in drei Monaten ganztags in die Krippe geht. Hat da schon jemand Erfahrungen gemacht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dann plötzlich „richtig“ isst und nur noch morgens und abens stillen möchte.

    LG Nati

  3. diana permalink
    6. August 2009 12:05 am

    Hallo,

    es ist schön diese Seite zu lesen.

    Ich habe bereits zwei Kids. Meine Grosse hat 12 Monate nicht „richtig“ gegessen. Ich hab mir kein Stress gemacht. Zwar habe ich nicht nur Fingerfood angeboten, aber immer stückiges. Also auch mal zerstampfte Kartoffel, die oft gut ankam (auch gerne einfach mit der Hand gefuttert) und sonst Stücken von Avocado, Brokkoli, Blumenkohl, etc. Mit 12 Monaten hat sie plötzlich vom Familientisch richtig mitgegessen. Gestillt habe ich sie gut 2 Jahre. Im 2. Jahr aber nur noch morgens und abends….später nur abends.

    Meine Kleine ist jetzt genau 8 Monate. Sie isst dagegen alles. Schon mit genau 6 Monaten hat sich sich bei der Ernte von Felsenbirnen aus dem Tragetuch heraus selber die Beeren abgerupft und in den Mund gesteckt…gleich 20 Stück als Beikost beginn. Alle Arten von Beeren, aber auch Melone sind der Renner. Trotzdem gibt es bei uns auch Amaranthpops als Brei und gedünsteten Kürbis vom Löffel..entweder löffelt sie schon selber oder sperrt den Mund auf…ich seh alles nicht so eng und mache dass was schmeckt, aber immer frisch selbstgemacht.

    Alles Liebe
    Diana

  4. 6. August 2009 9:57 am

    Mekrst du denn einen Unterschied jetzt, wo es die Beikost gibt oder stillt ihr immer noch genauso viel wie vorher?

    • 6. August 2009 10:15 am

      Nein, wir stillen genauso viel wie vorher. Glaube ich. Ich schaue ja nicht mehr auf Zeiten. Aber ich merke jedenfalls keinen Unterschied bisher. Und ich glaube, bis ich das merke, dauert es auch noch einige Zeit. Ich rechne so mit 3-4 Monaten, bis ich wirklich weniger stille. Oft ist es wohl auch so, dass genauso oft gestillt wird, nur etwas kürzer, und das merkt man natürlich kaum.

  5. Lea permalink
    15. März 2011 2:39 pm

    Dein letzter Eintrag ist zwar schon eine Weile her, aber ich lese den Blog trotzdem interessiert. Mein Sohn ist jetzt knapp 7 Monate und kurz vor dem Ende des 6. Monats habe ich ihm das erste Mal feste Nahrung angeboten.
    Er isst wie ein kleiner Scheunendrescher! Zum Frühstück gerne fast eine ganze Scheibe Toast mit Frischkäse, Mittags eine ganze Banane und abends probiert er eine Variation von gedünstetem Gemüse 🙂 Ich mache das auch in der Mikrowelle.
    Von einem Still-Rhythmus alle 4 Stunden (Tags wie Nachts) sind wir jetzt bei ca. alle 5 Stunden, nachts gönnt er mir auch schon mal etwas mehr schlaf 🙂
    Da es ja keine deutsche Literatur gibt, habe ich mir das Buch auf Englisch und noch ein Niederländisches gekauft.

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